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smalltalk - Buchtipp: Die Drogenlüge: 100 Jahre Prohibition

skillz - 26.07.2010, 09:02 Uhr
Titel: Buchtipp: Die Drogenlüge: 100 Jahre Prohibition
...gefunden bei Mathias Bröckers...

<h3>Die Drogenlüge: 100 Jahre Prohibition</h3>
Im Jahr 1909 wurde das erste Globalisierungsgesetz auf den Weg gebracht: die Prohibtion von Drogen.Ein Jahrhundert später ist dieses Verbot nicht nur sozial- und gesundheitspolitisch gescheitert, sondern unterminiert durch seine Nebenwirkungen die Rechtsordnung und Gesellschaft in vielen Regionen der Welt.

Das ist das Thema meines nächsten Buchs, das im September erscheinen wird: Die Drogenlüge - Warum Drogenverbote den Terrorismus fördern und Ihrer Gesundheit schaden. Im Folgenden ein Auszug aus der Einleitung:

Am Anfang war das Drogendelikt. Eva und Adam nahmen von der verbotenen Pflanze und wurden mit der Vertreibung aus dem Paradies bestraft. Theologen mögen einwenden, dass dies eine allzu profane Deutung des Sündenfalls sei, doch wenn wir die Geschichte aus dem Buch Genesis beim Wort nehmen, kann kein Zweifel daran be stehen, dass es sich bei der verbotenen Frucht um eine psychoaktive, bewusstseinsverändernde Pflanze – eine Droge – handelt. Und ebenso klar ist, dass Eva und Adam über ihre Eigenschaften im Dunkeln gelassen wurden: Die Autorität im Garten Eden hatte die Pflanze verboten, weil ihr Genuss angeblich tödlich sei. Mit dieser noblen Lüge – »nobel«, weil Gott per se nur das Beste für seine Ge- schöpfe im Sinn hat, und »Lüge«, weil es sich um Desinformation handelte – steht und fällt die ganze Dramaturgie der Geschichte. Denn was wäre geschehen, wenn Gott die Paradiesbewohner über »Risiken und Nebenwirkungen« des Präparats vom »Baum der Erkenntnis« sachgemäß aufgeklärt hätte? Eines kann man mit Sicherheit sagen: Der Menschheit wäre viel Ärger erspart geblieben. Vielleicht hätten die beiden es erst einmal bei einer homöopathischen Kostprobe belassen, anstatt gleich den ganzen »Apfel« zu essen. Aber selbst wenn sie sich – des ewig harmonischen göttlichen Einsseins überdrüssig – mit einer gezielten Überdosis in die rauhe (aber spannende) Dualität des Erdenlebens geworfen hätten, stünden wir heute besser da. Ohne mythologische Schuld, ohne Erbsünde und ohne einen zürnenden Gott. So aber war Eva auf Arzneimittelinformationen von der Straße angewiesen – Gerüchte einer Schlange statt Aufklärung von einem Arzt oder Apotheker –, und die Katastrophe nahm ihren Lauf. Wir müssen dem Herrn im Garten Eden keine bösen Absichten unterstellen, als er den Baum der Erkenntnis als tödliches Gift deklarierte. Er wollte vermutlich nur das Beste für seine Geschöpfe, doch er erreichte das Gegenteil. Nicht der Genuss der Pflanze, sondern die mit ihrem Verbot einhergehende Desinformation sorgte für den Absturz aus dem Paradies.

Der Rausch und seine Mittel sind so alt wie die Menschheit. Hätte »Ötzi«, der in den Südtiroler Alpen Anfang der neunziger Jahre gefundene »Gletschermann«, die italienisch-österreichische Grenze nicht schon vor mehr als 5000 Jahren, sondern in unseren Tagen passiert – er hätte außer einem Wetterumsturz auch die Drogenfahndung fürchten müssen. In den Taschen des tiefkühlkonservierten Steinzeitmenschen wurden halluzinogene Pilze gefunden, deren Wirkstoffe heute auf dem Betäubungsmittelindex stehen. Hätte unser Gletschermann den Zollkontrolleuren freimütig gestanden, dass er die Pilze regelmäßig konsumiere und einen größeren Vorrat zu Hause hätte, er wäre nach erfolgter Höhlendurchsuchung einem Haftrichter vorgeführt worden. Auf seine Einwendung, dass er auf die Pflanze angewiesen sei – aus medizinischen Gründen oder um spirituellen Kontakt mit dem »Geist der Vegetation« zu halten –, hätte man ihn in die Psychiatrie überwiesen und mit legalen Drogen vollgestopft – aus Ötzi wäre ein »Fall« geworden, eines jener Opfer, zu deren Rettung die Drogenkrieger ausgezogen sind. Ihre grundlegende Idee einer drogenfreien Gesellschaft, so zeigt dieser kurze Rückblick in die Steinzeit, war nicht erst seit den Zeiten der Puritaner falsch, sie widerspricht den Grundtatsachen der menschlichen Zivilisation.

Zu allen Zeiten haben Menschen bewusstseinsverändernde, geistbewegende Substanzen zu sich genommen. Zu allen Zeiten gab es Regeln, wie mit ihnen umzugehen ist, und Methoden, wie Missbrauch und Schäden durch diese Substanzen zu vermeiden sind. Doch erst seit etwa hundert Jahren sind einige dieser Substanzen international gea?chtet und werden mit den Mitteln des Strafrechts weltweit verfolgt. Auch diese Verbote waren, wie damals im Garten Eden, durchaus von guten Intentionen getragen, dem Wunsch, die Bevölkerung vor den Gefahren des Missbrauchs und der Sucht zu schützen. Die Beschluesse, die auf dem ersten Treffen der Diplomaten der »Opiumkommission« in Shanghai (1909) und in den anschließenden Konferenzen in Den Haag (1911/12) und Genf (1925) gefasst wurden und später in die »Single Convention on Narcotic Drugs« der Vereinten Nationen (1961) einflossen, waren beseelt von dem Wunsch nach einer »drogenfreien Gesellschaft« und der Überzeugung, diese mit den Mitteln der Kontrolle und des Strafrechts erreichen zu können.(....) Würde man die Väter des Drogenverbots heute mit den Ergebnissen konfrontieren, zu dem ihre Beschlüsse ein Jahrhundert später geführt haben, würden sie wahrscheinlich erschrecken: Was sie als institutionellen Segen der Menschheit auf den Weg gebracht hatten, um zahllose unschuldige Opfer vor der Heimtücke der Drogenabhängigkeit zu retten, hat sich als Fluch erwiesen. Sie haben ein Monster in die Welt gesetzt, das sich, seit US-Präsidenten Richard Nixon es 1971 »War on Drugs« (Krieg gegen Drogen) taufte, zu einer der gefährlichsten Plagen des Planeten ausgewachsen hat. Der Krieg gegen Drogen bedroht die Bürgerrechte und Freiheiten in aller Welt und erschüttert demokratische Strukturen und die gesellschaftliche Ordnung in vielen Regionen – von den Andenstaaten und Mexiko wo rivalisierende Banden derzeit ganze Provinzen in bürgerkriegs- ähnliche Zustände stürzen, bis nach Afghanistan und Pakistan, wo sowohl die »Taliban« wie auch ihre Gegner vom Drogengeschäft profitieren . So finanziert und fördert dieser Krieg gegen Drogen nicht nur den internationalen Terrorismus und die organisierte Kriminalität, sondern produziert darüber hinaus mit Abertausenden von »Drogentoten« die Opfer, zu deren Rettung er eigentlich erfunden wurde.

Die Lebenserfahrung, dass eine »gut gemeinte Absicht« ins Gegenteil umschlagen kann, trifft auf die Drogenprohibition zu wie auf keinen anderen Bereich der Politik. Was die Diplomaten 1909 auf Anregung der USA in Schanghai auf den Weg brachten und 1925 in der Genfer Drogenkonvention mu?ndete, war eines der ersten Experimente einer globalisierten Politik und stellt praktisch das erste globale Gesetz der Welt dar. Hundert Jahre später nun haben die desaströsen Folgen dieser Politik eines der größten Probleme der globalisierten Welt geschaffen Dass das Desaster, welches der Krieg gegen Drogen anrichtet, tatsächlich monströse Ausmaße angenommen hat und es deshalb kaum einen dringenderen Punkt auf der Agenda der internationalen Politik geben kann, als diesen Krieg sofort zu beenden – diese Behauptung speist sich nicht aus ideologischen Gründen. Es kann nicht mehr länger darum gehen, eine ideologische Debatte fortzuführen, die seit nunmehr einem Jahrhundert festgefahren ist zwischen den Extremen einer religiösen Moral, die Drogen schlechthin als »Sünde« betrachtet, und eines libertären Individualismus, der sich jede Bevormundung durch Staat und Autoritäten verbittet. Worum es gehen muss, ist der nüchterne Blick auf die Empirie – auf Zahlen, Daten und Fakten – und die objektive Bewertung der Gewinne und Verluste, um eine Grundlage zu schaffen für eine pragmatischen Entscheidung über eine Beibehaltung oder eine Änderung der bisherigen Strategie. Für einen ersten grundlegenden Befund freilich braucht es keine detaillierten empirischen Belege, sondern nur ein wenig Menschenverstand: Das »Drogenproblem« ist nicht lösbar. Vielmehr produziert die Prohibition das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgibt.(....)
Nachtschatten - 26.07.2010, 13:32 Uhr
Titel:
Danke für den Hinweis, hört sich sehr interessant an!
skamfam - 02.08.2010, 22:11 Uhr
Titel: .
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Humpel - 08.08.2010, 16:12 Uhr
Titel:
skamfam hat folgendes geschrieben:
schade, dass der auto seine berechtigte kritik am umgang mit drogen mit einem mehr oder auch eher weniger subtilen anpreisen des gebrauchs derselben verbindet.

es gibt keinen unterschied zwischen drogengebrauch und drogenmissbrauch. drogen vergiften den organismus, führen zu organfehlfunktionen und zerstören wichtiges körpergewebe - vor allem nieren, leber und gehirn.
generell fühlen sich menschen zum drogenmissbrauch hingezogen, weil ihre ungesunde ernährung und lebensweise ihre energie auffrisst, ihre vorstellungskraft und ihre fähigkeit spaß zu haben beeinträchtigt und intensive gefühle dämpft. die gifte und die künstliche intensität der rauscherfahrung werden als ausgleich missbraucht, können jedoch die verlorengegangene intensität der wahren gefühle nicht wiederbringen. stattdessen tragen sie zur weiteren schädigung des körpers bei und verschlimmern die situation weiter. das gilt unabhängig davon, ob das gift der wahl legal oder illegal ist. ob es vom dealer, ausm supermarkt oder aus der apotheke kommt. oder ob die eigenen freunde es auch gern verwenden.

die kritik an der drogenprohibition ist richtig. ich hoffe, der autor beweist in seinem buch aber etwas mehr weitblick als in dieser einleitung... aber ich glaub fast, da steht mir eine enttäuschung ins haus...


Da stimm ich mal unumwunden zu.
migraineboy - 08.08.2010, 18:29 Uhr
Titel:
so wie du skamfan sehne ich mich auch in eine zeit zurück als "operationen" noch ohne jegliche betäubung durchgeführt wurden und eine grippe quasi einem todesurteil gleichkam.

natürliche selektion über alles!




abgesehen davon ist es relativ bewiesen dass großartige technologische/philosophische entdeckungen oftmals mit bewußtseinserweiternden substanzen einher gingen. es ist recht intressant dass die freie software bewegung , und überhaupt extrem vieles um computer&internet was wir heute alle nutzen genau zu jener zeit und an jenem ort wo exzessive wilde LSD parties gefeiert wurden seinen ursprung nahm.
hochstapla - 14.08.2010, 11:47 Uhr
Titel:
@ humpel: lies noch mal nach - du stimmst "unumwunden zu", dass "...menschen zum drogenmissbrauch hingezogen, weil ihre ungesunde ernährung und lebensweise ihre energie auffrisst..." - f****n bollocks! zu deutsch: so ein unfug!

die leute gehen mit ernährung ebenso um wie mit drogen. der grund: es ist dasselbe. beides enthält wirkstoffe.

der teufel liegt aber darin, was welche droge/nahrungsmittel enthält, ob und wieviel davon für wen geeignet ist. und insbesonders vom sozialen, nämlich ob sie gelernt haben, mit inhaltsstoffen umzugehen, oder ob sie konsumieren was schnell erreichbar ist, und was in ihrem umfeld konsumiert wird.

drogen erzeugen sehr wohl "reale" gefühle, respektive lösen sie aus.
mit dem gewohnheitseffekt sind sie dazu nicht mehr imstande, deswegen erhöhen dann einige die dosis.
Humpel - 14.08.2010, 13:51 Uhr
Titel:
hochstapla hat folgendes geschrieben:
@ humpel: lies noch mal nach - du stimmst "unumwunden zu", dass "...menschen zum drogenmissbrauch hingezogen, weil ihre ungesunde ernährung und lebensweise ihre energie auffrisst..." - f****n bollocks! zu deutsch: so ein unfug!


Gut, die spezielle ansicht teil ich nur sehr eingeschränkt. Irgendwie kann man natürlich schon argumentieren, dass schlechte ernährung durch nährstoffmangel zu trüben gemützuständen führt, was wiederum empfänglicher für stimmungsaufheller macht...aber naja.

Zitat:

die leute gehen mit ernährung ebenso um wie mit drogen. der grund: es ist dasselbe. beides enthält wirkstoffe.

der teufel liegt aber darin, was welche droge/nahrungsmittel enthält, ob und wieviel davon für wen geeignet ist. und insbesonders vom sozialen, nämlich ob sie gelernt haben, mit inhaltsstoffen umzugehen, oder ob sie konsumieren was schnell erreichbar ist, und was in ihrem umfeld konsumiert wird.

drogen erzeugen sehr wohl "reale" gefühle, respektive lösen sie aus.
mit dem gewohnheitseffekt sind sie dazu nicht mehr imstande, deswegen erhöhen dann einige die dosis.


Ye nur enthalten nahrungsmittel im gegensatz zu drogen halt essentielle "wirkstoffe".
Der soziale aspekt ist aber echt interessant. Ich denke z.b. unser kulturkreis kommt mit alkohol doch gut zurecht, weil eine trinkkultur vorherrscht, die uns eher nur abends und wochends trinken lässt, während das zeug ja ganze kulturen dies nicht gewohnt waren zu grunde gerichtet haben soll(nordamerikanische und australische ureinwohner). Hab aber keine studien bei der hand, vielleicht bild ich mir das nur ein und überall erkranken ähnlich viele leute an alkoholsucht. Oder denen gings einfach durch die kolonialisation so beschissen.
Weiß jemand obs anderenorts z.b. eine echte hanfkonsum-kultur gibt mit ähnlichen "regeln"? Irgendwie fällt mir auf, dass es hierzulande bedenklich viele leute gibt die sich gleich mal beim aufstehen ihre ersten paar bongs durchziehen, was vielleicht an der fehlenden kultur liegt.
migraineboy - 14.08.2010, 16:50 Uhr
Titel:
dass diese ureinwohner mit alk nicht umgehen konnten hatte/hat genetische gründe.

die europäische trinkkultur halte ich für garnicht gesund. und es gibt doch wirklich extrem wenig nahrungsmittel die nur essentielle wirkstoffe enthalten.

was in unserer gesellschaft für unsummen von zucker verspeist werden ist abnormal. und wirkt sich extrem auf die psyche aus.
hochstapla - 15.08.2010, 16:47 Uhr
Titel:
@ alkohol als "geisel der kolonialisierung": da fällt mir das revolutionäre zapatistische frauengesetz ein, dass drogen (zB alkohol) in den dörfern/umfeldern von familien verbietet und grossteils respektiert wird.
alkohol hat oft familien- und gemeinschaftszerrüttelnde wirkung, besonders stark wirkt sich das in einem praktisch perspektivenlosen umfeld aus, zB einem kleinbäuerlichen dorf, an dem die industrialisierung praktisch spurlos vorübergeht (hohe kindersterblichkeit, chronische unterernährung, niedriges bildungsniveau, ...), ein umfeld in dem übrigens auch religion gut gedeihen würde...

@ inhaltsstoffe/drogen: am beispiel zucker haben wir schon ganz gut heruasgearbeitet, wie schmal der grad an nahrungsmittel und (nicht unmittelbar nahhaftem) wirkstoff ist; weitere beispiele: gewürze (zimt, pfeffer, dill, oregano, ...), zusatzstoffe (aspartam, glutamate, fluor, brom, ...), "luxus"artikel (koffein, parfüms, nahrungsergänzungen, ...) -

wobei die, da sie (bis auf koffein) nicht so stark persönlichkeitsverändernd wirken, sozial nicht so zerrüttend sind, wie die erwähnte guten-morgen-bong.

drogenmissbrauch gedeiht in einem klima der heimlichkeit und des tabus natürlich besser als wenn drogenkonsum ständig/häufig (produktiv) thematisiert wird.

der alkoholismus in ö/mittel¤uropa hat mEn schon klare soziale funktionen: regression/entspannung, partner_innen-werbung, wir-gefühl stärken, ...

cannabis hingegen beliefert eher die schienen "selbstfindung" und "selbst-medikation" und/oder wird wegen seiner relativ harmlosen neben- und nachwirkungen oft dem alkohol bevorzugt. der künstlich hohe preis und das gebot der geheimhaltung wirken auch stärker sozial entfremdend als in gesellschaften, wo cannabis geduldet wird.

in der pubertät hat cannabis womöglich schlimmere auswirkungen als alkoholkonsum, es wird aber aufgrund der tabusierung schwierig sein, darüber gute studien zu bekommen.

legalisierung allein konnte aber das opium-problem in china oder persien/iran nicht lösen; ersteres wurde übrigens sogar durch englisches diktat etabliert.

um auf die situation vor ort zurückzukommen: konsumräume für harte drogen sollte auf jeden fall her, in sachen kriminalitätvermeidung wären wohl auch staatlich geregelte preise/abgabe zu empfehlen.

aber das ist alles augenauswischerei, sollte nicht gelingen, in sachen drogen ein klima von verantwortungsvollem konsum zu etablieren. und dazu gehören aber soziale perspektiven statt einem "kamma eh nix machen"-klima...
migraineboy - 15.08.2010, 18:03 Uhr
Titel:
und fast hätt ichs vergessen, in dem zusammenhang ist
"rudolf gelpke - vom rausch im orient und okzident "
wirklich empfehlenswert.

arbeitet gut heraus wieso in der westlichen welt alkohol die droge der wahl ist, und wieso im orient lieber drogen benutzt werden die nach innen blicken lassen.

http://www.scribd.com/doc/6872136/DE-Ge ... d-Okzident
hugoschattenwelt - 18.08.2010, 11:45 Uhr
Titel:
Jeder der sich mit der Problematik ernsthaft beschäftigt kommt ganz schnell drauf, dass Verbote bestimmter Substanzen immer nur gemacht werden um andere Produkte bzw. Märkte zu schützen!

Die alte Geschichte von Coca Cola und "Sweet Mary" kennt man ja vermutlich: http://unserekorruptewelt.wordpress.com ... oten-wurde

Staat und "Experten" argumentieren immer auf die Gesundheit, demnach sollten Alkohol und Tabak sofort verboten werden!

Von einem Staat der sich wirklich um die Gesundheit der Bürger kümmert werwarte ich mir Maßnahmen wie in Brasilien, wo seit den kranken Bildern auf den Z-Packungen fast kein Einheimischer mehr raucht; oder Kanada:
http://www.stern.de/gesundheit/gesundhe ... 96750.html

Was andere Substanzen betrifft sind viele Pillen die man verschrieben bekommt viel schädlicher als verufene Partydrogen, aber Hauptsache der Bartenstein verdient damit!

Der Unterschied zwischen Lobby und Kartell ist so ähnlich wie der zwischen Religion und Sekten Smile
skamfam - 25.08.2010, 14:11 Uhr
Titel: .
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skamfam - 25.08.2010, 14:41 Uhr
Titel: .
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migraineboy - 25.08.2010, 19:53 Uhr
Titel:
skamfam hat folgendes geschrieben:
@ migraine boy



bevor ich da irgendwie weiter diskutiere würde ich gerne wissen ob du der straight edge bewegung angehörst. das ist relativ wichtig, weil ich mich auch nicht darauf einlasse einem fundamentalistischen christen die vorteile von vorehelichen geschlechtsverkehr zu erklären. Smile
skamfam - 25.08.2010, 20:49 Uhr
Titel: .
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skillz - 26.02.2011, 20:33 Uhr
Titel:
neues Buch auch von Peter Michael Lingens (ex Profil) zum Thema:

<h3>Drogenmissbrauch: Sind die USA für die Rauschgiftkriminalität verantwortlich?</h3> Christlichen Amerikanern ist es gelungen, die ganze Welt für ihren Kreuzzug gegen Rauschmittel einzuspannen. Ergebnis: 30.000 Tote allein in Mexiko – aber nicht durch Drogen, sondern durch deren vermeintliche Bekämpfung.
Von Robert Buchacher

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http://www.profil.at/articles/1108/560/ ... minalitaet

Seine Heimatstadt Ciudad Juárez habe sich „in ein Schlachthaus verwandelt“, schreibt der mexikanische Journalist Arturo Chacon in einem Bericht, der im vergangenen Oktober von mehreren ausländischen Zeitungen, darunter vom Berliner „Tagesspiegel“, übernommen wurde. „Die Mörder arbeiten rund um die Uhr, am helllichten Tag und mitten in der Nacht, auf Straßen, Plätzen und hinter verschlossenen Türen. Jede Woche exekutieren sie etwa 70 Menschen: Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder. Die meisten werden erschossen, einige mit Klebeband auf Nase und Mund erstickt. Transparente kündigen an, wer als Nächstes dran ist.“

In der 1,3-Millionen-Einwohner-Stadt an der mexikanisch-US-amerikanischen Grenze ist die öffentliche Ordnung zusammengebrochen. Jeder, der sich dem Drogenkartell in den Weg stellt oder sich weigert, dessen Interessen zu wahren, ob Polizisten, Staatsanwälte, Behördenvertreter oder Journalisten, ist des Todes. Allein im vergangenen Jahr wurden in der Stadt am Rio Grande mehr als 2000 Menschen von Mafiakillern umgebracht, teils auch in Kämpfen rivalisierender Banden, die einander eine der lukrativsten Drogen-Schmuggelrouten in die USA streitig ­machen. Mit 130 Morden pro 100.000 Einwohner und Jahr gilt Ciudad Juárez derzeit als gefährlichste Stadt der Welt. Aus Sicherheitsgründen wohnt der Bürgermeister in der texanischen Nachbarstadt El Paso auf der anderen Seite der Grenze.

In seinem neuen, diese Woche erscheinenden Buch „Drogenkrieg – (ohne) mit Ausweg“ analysiert der profil-Kolumnist und ehemalige profil-Herausgeber Peter Michael Lingens die religiösen, sozialen und politischen Wurzeln des Krieges gegen Drogen, wie ihn christlich-konservative Kreise in den USA via UN der ganzen Welt aufgezwungen haben, und befasst sich eingehend mit der Frage, ob dieser Krieg aufgrund seiner Kollateralschäden nicht mehr schade als nütze und letztlich nur den Drogenkartellen in die Hände arbeite.

Anhand wissenschaftlicher Studien weist Lingens penibel nach, dass dieser Krieg, wenn überhaupt, immer nur vorübergehend erfolgreich war und dass die Berichte der in Wien ansässigen Drogenbehörde der Vereinten Nationen UNODC (United Nations Office on Drugs and Crime) ein schönfärberisches Zeugnis sind, das sich die Behörde selbst ausstellt, um damit ihre Existenzberechtigung zu unterstreichen. Die weltweite Drogenproduktion und der Drogenhandel seien nicht, wie behauptet, deutlich zurückgegangen, sondern zumindest gleich geblieben, wenn nicht sogar angestiegen – trotz Einsatzes von Abermilliarden an Kriegskosten. Sinkende Einzelhandelspreise seien dafür ein sicherer Indikator.

Die Heroinproduktion in Afghanistan läuft auf Hochtouren, weil die einst radikal drogenfeindlichen Taliban heute mit den Erlösen aus dem Heroinhandel ihre Waffen finanzieren. Und in Lateinamerika hat der Krieg gegen Drogen lediglich zu Umstrukturierungen und Verlagerungen der Kartelle geführt. Der blutige Drogenkrieg in Teilen Mexikos ist Folge einer solchen Verlagerung: Weil die Bekämpfung des Medellín- und anderer Drogenkartelle in Kolumbien Erfolge zeitigte, splitterten sich die Gangster in kleinere Einheiten auf. Kartelle in Mexiko übernahmen einen erhebliche Teil des Geschäfts – der große Drogenstrom in Richtung USA und Europa fließt wie eh und je.

Lehren ziehen. Die Welt, so Lingens, sollte aus den bisher gemachten Erfahrungen endlich die Lehren ziehen. Wie unter anderen schon von Arnold Schwarzenegger, manchen Drogenexperten und Wissenschaftern angedacht, plädiert auch Lingens für einen Strategiewechsel: Anstatt, wie in den USA praktiziert, Hunderttausende Kleindealer wegen Weitergabe von Marihuana ins Gefängnis zu stecken und dem Steuerzahler damit erhebliche Kosten aufzubürden, sollte man die vergleichsweise ungefährliche Droge nach dem Vorbild der Niederlande freigeben. Der Staat, so Lingens, könnte auch harte Drogen wie Kokain und Heroin selbst billig produzieren und über ein Staatsmonopol nur Apotheken abgeben. Eine solche Strategie würde die derzeitige exorbitante Handelsspanne von bis zu tausend Prozent beseitigen, damit den Drogenkartellen die Basis entziehen und das Problem massiv entschärfen.

Lingens liefert keine einfachen Bilder der Situation und erhebt mit seinen Vorschlägen auch keinen Anspruch auf ein Allheilmittel. Er wägt Vor- und Nachteile gegeneinander ab und ist als Skeptiker gegenüber staatlichem Wirtschaften am Ende doch überzeugt, dass im Fall Drogen kein Weg an staatlicher Intervention vorbeiführe. Fraglich bleibt, ob ein solcher Strategiewechsel politisch durchsetzbar wäre und ob sich die internationale Drogenmafia den staatlichen Entzug ihrer Geschäftsbasis, die jährlich viele Milliarden Dollar abwirft, kampflos gefallen lassen würde.

Eindrucksvoll verfolgt Lingens den Weg der Droge vom Genuss- und Heilmittel als Teil alter Kulturen bis hin zum weltweiten Sucht- und Kriminalitätsproblem, schildert, welche die richtungsweisenden religiösen, politischen und publizistischen Strömungen und Personen waren, die hinter der heutigen westlichen Drogenpolitik standen, und wie etwa die britische Regierung versucht hat, den maßgeblichen Teil eines wissenschaftlichen Berichts zu vertuschen, der einer Bankrotterklärung der herrschenden Drogenpolitik gleichkommt.

Er liefert dabei überraschende Details, wie etwa, dass amerikanische Farmer noch im 18. Jahrhundert gesetzlich verpflichtet waren, Hanf anzubauen, und dass es noch um 1850 in den USA mehr als 8000 Hanfplantagen gab. Immer wieder zieht er Parallelen zwischen früheren und heutigen Situationen: Die Einstellung der amerikanischen Mittelschicht des 19. Jahrhunderts gegenüber Alkohol entspreche der Einstellung der heutigen amerikanischen Mittelschicht gegenüber Marihuana, Heroin und Kokain.

Und in der Vergangenheit wie heute fanden die Menschen Ventile, um die Verbote zu unterlaufen. So wie heute in Salatbeeten, Blumenkisten und Kellern heimlich Marihuana angebaut wird, begannen viele Amerikaner nach Einsetzen der Alkohol-Prohibition Anfang der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der Badewanne Wein zu keltern. Der Obstverbrauch stieg deutlich an. Binnen weniger Jahre vergrößerte sich die Rebanbaufläche in Kalifornien um das Siebenfache. Durch „Selbstgebrannten“ starben jährlich 10.000 Menschen.

Die Verteufelung von Suchtmitteln in den USA färbt auf die Gesetze ab: Bis heute werden Suchtdelikte in den Staaten strenger bestraft als in Europa. Das hängt mit den tiefen Ressentiments zusammen, mit denen das christlich-konservative Amerika Genuss- und Suchtmitteln von Anfang an begegnete. Aus ihrem Selbstbild als gottgefällige, rechtschaffene, tugendhafte Bürger wandten sich religiöse weiße Amerikaner gegen Drogen als etwas Unamerikanisches, etwas, das von Einwanderern von außen, quasi aus dem Reich des Bösen, eingeschleppt wird: Opiumpfeifen rauchende Chinesen, Koka kauende Latinos, Marihuana rauchende Mexikaner. Gebräuchliche Ausdrücke wie „Neger-Droge“ illustrieren, wie sich Rassismus und Fremdenfeindlichkeit mit der Abwehr von Rauschmitteln vermischten.

Drogenkultur. Im Grunde haben die Amerikaner nie akzeptiert, dass der Gebrauch von Genuss- und Rauschmitteln zu jeder menschlichen Kultur gehört. So war beispielsweise das Kauen von Kokablättern in vielen Ländern Lateinamerikas über Jahrhunderte ebenso wenig ein Problem wie das Rauchen von Opiumpfeifen in China. Erst als die Briten in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts versuchten, Opium als Türöffner gegen chinesische Handelsbeschränkungen einzusetzen, verschärfte sich die Lage. Mithilfe massiver Einfuhren von bengalischem Opium wollten die Briten chinesische Beamte bestechen und möglichst viele Chinesen von ihren Lieferungen abhängig machen. Als sich Kaiser Daoguang mit der Beschlagnahme und Verbrennung von 22.000 Kisten britischen Opiums zur Wehr setzte, kam es zum Opiumkrieg (1839–42), in dem die Chinesen unterlagen. Hohe Entschädigungszahlungen und die Abtretung Hongkongs an die Briten waren der Preis für den Frieden. Zusätzlich hatten die britischen Einfuhren den Opiumkonsum in China angekurbelt, sodass sich das Kaiserhaus zu einer strikten Drogenpolitik veranlasst sah.

Als die USA im spanisch-amerikanischen Krieg 1898 die Philippinen besetzten, werteten sie die dort verbreitete Drogenkultur als Ursache für die Unterentwicklung des Inselreichs und griffen zu ähnlich strengen Maßnahmen gegen Suchtmittel wie schon zuvor die Chinesen. Die strikte Drogenpolitik der neuen Kolonialherren blieb nicht ohne Auswirkungen auf das amerikanische Mutterland, wo christliche Frauenvereine und Prediger bereits kräftig Stimmung gegen den Alkoholkonsum machten.

Die „Anti-Saloon-League“, die mit dem Alkohol gleich alle übrigen Laster bekämpfte, welche in diesen Etablissements gediehen, wuchs zu einer politischen Kraft, ohne deren Unterstützung Politiker bei Wahlen chancenlos waren. Ein Bundesstaat nach dem anderen erklärte sich als „trocken“, im Kongress stellten die „Dries“ (Alkoholgegner) bald die Mehrheit gegenüber den „Wets“ (Alkoholbefürworter) – so war der Weg in die Prohibition und in die Entstehung mafioser Strukturen vorgezeichnet: Schließlich versprach der Handel mit illegalen Alkoholika Milliarden­gewinne.

Denn im benachbarten Kanada konnte Alkohol weiterhin legal produziert und verkauft werden. Daher kurbelten die dortigen Destilleure ihre Produktion an. Die Familie Bronfman (Seagrams Whiskey) beispielsweise begründete mithilfe der Prohibition ihren Reichtum. Findige Geschäftsleute schafften den begehrten Stoff in präparierten Waggons, auf Fregatten und Schnellbooten in die USA. „Hochprozentiger“ wurde zu Preisen gehandelt wie heute Heroin und Kokain. Bald lieferten sich diverse Gangs wie etwa jene des Mafiapaten Al Capone blutige Revierkämpfe. Polizei und Justiz waren entweder bestochen – oder machtlos, weil sich für die Morde keine Zeugen fanden.

Das Alkoholverbot fiel 1932, nachdem die Demokraten unter Präsident Franklin D. Roosevelt in der Wirtschaftskrise erkannt hatten, dass durch die Prohibition viele Arbeitsplätze und Steuereinnahmen verloren gingen, während sich die Mafia und ausländische Produzenten goldene Nasen verdienten. Im Jahr 1916 gab es zum Beispiel in den USA 1300 Bierbrauereien, im Jahr 1926 keine mehr. Die einzige Lehre, welche die USA langfristig aus den Erfahrungen mit der Prohibition zogen, war die Erkenntnis, dass es nichts bringt, wenn man ein Verbot isoliert verhängt, während Länder rundum Produktion und Handel weiter betreiben. So reifte allmählich die Idee, es müsse irgendwann gelingen, eine weltweite Initiative gegen Suchtmittel zu starten.

Noch in der Ära der Alkohol-Prohibition begannen in den USA Kampagnen auch gegen andere Drogen, vor allem gegen Marihuana. Während es im 19. Jahrhundert Cannabis, Opium und Kokain zu medizinischen Zwecken wie etwa zur Schmerzbehandlung in den USA frei zu kaufen gab, verhängte in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Bundesstaat nach dem anderen ein Anbauverbot für Hanf, weil man darin eine Quelle für eine neue, gefährliche Droge erblickte. Die Blätter des Zeitungszaren William Randolph Hearst berichteten regelmäßig Horrorgeschichten über angeblich unter dem Einfluss von Marihuana verübte Morde. Die gleichen religiösen und politischen Kreise, die schon zuvor den Kreuzzug gegen den Alkohol geführt hatten, wandten sich nun gegen die „tödliche Droge“, wie Cannabis selbst in der „Washington Post“ bezeichnet wurde.

Eine der zentralen Figuren der Hetze war ein Schweizer Einwanderer namens Harry J. Anslinger, der als erster „Drogenzar“ in die Geschichte eingegangen ist und der nicht nur die Drogenpolitik der USA, sondern auch der gesamten Vereinten Nationen maßgeblich bestimmte. Als Leiter des Federal Bureau of Narcotics wurde er trotz Wirtschaftskrise mit einem stattlichen Budget ausgestattet, das er durch entsprechende Aktivitäten zu rechtfertigen trachtete. Er fand für diesen Zweck ein ideales Angriffsziel: Cannabis, das in seinem Auftrag fortan nur noch „Marihuana“ genannt wurde. Auf diesen Stoff ließen sich viele Ressentiments des frommen Amerika fokussieren.

Schauer-Märchen. So wird Anslinger auch als Urheber folgender, in einem der Hearst-Blätter abgedruckten Behauptung angesehen: „Es gibt 100.000 Marihuana-Raucher in den USA, und die meisten davon sind Neger, Hispanics, Filipinos und Entertainer. Die satanische Musik, Jazz und Swing, beruht darauf, dass Marihuana konsumiert wird. Marihuana lässt weiße Frauen Sex mit Negern und Entertainern suchen.“

Die Amerikaner glaubten die Mär ebenso wie Ans­lingers Behauptung, das Wort „Haschisch“ gehe auf das persische Wort „Hashashin“ zurück, „von dem wir das englische Wort ‚assassin‘ (morden) haben“.

Nach jahrelangem publizistischem Kampf schaffte es Anslinger, dass die Amerikaner Marihuana für eine völlig neue Droge hielten, die mit dem guten alten Hanf nicht das Geringste zu tun hätte. Nicht nur das: Er schaffte es auch, dass Marihuana in seiner Gefährlichkeit mit Drogen wie Kokain und Heroin gleichgesetzt wurde und folglich mit allen erdenklichen Mitteln zu bekämpfen sei. Als Vertreter einer Bundesbehörde brachte er im Kongress einen diesbezüglichen Gesetzesantrag ein, der von einem einzigen Abgeordneten, dem Arzt William C. Woodward, beeinsprucht wurde: Anslingers Behauptungen seien nichts als ein Sammelsurium von fragwürdigen Zeitungsartikeln, ohne jeden Beweis. Das Gesetz wurde beschlossen.

Während seiner gesamten Amtszeit hatte Anslinger für ein internationales Abkommen gekämpft, das seine Sicht übernahm. 1962 gelang es ihm als Repräsentant der Weltmacht USA, ein solches Abkommen bei der Narkotika-Kommission der Vereinten Nationen durchzusetzen. „Seither ist die ganze Welt gezwungen, Cannabis wie Heroin zu verfolgen“, schreibt Lingens.
Aufgrund der in der US-Verfassung garantierten Freiheitsrechte ist der Konsum von Drogen erlaubt, nicht aber der Besitz. Wer zweimal auch nur mit einer kleineren Menge Marihuana erwischt wird, gilt bereits als Dealer und fasst eine unbedingte Freiheitsstrafe aus.

Als Folge davon sind die Gefängnisse notorisch überfüllt, mit 2,7 Millionen Strafgefangenen und weiteren vier Millionen auf Bewährung sind die USA heute die Nation mit den meisten Gefängnisinsassen der Welt – zu einem beträchtlichen Teil aufgrund der Drogenpolitik. Pro Jahr geben die Vereinigten Staaten 35 Milliarden Dollar für den Strafvollzug aus. Um die steigende Belastung zu begrenzen, wurden Gefängnisse privatisiert. Damit hat sich eine regelrechte Gefängnisindustrie etabliert, mit börsennotierten Unternehmen und eigenen Messen für Gefängnisbedarf. Davon leben viele Zulieferer und Arbeitnehmer, deren Jobs bei einer liberaleren Politik verloren gingen.

Die republikanischen US-Präsidenten Richard Nixon (1969 bis 1974) und Ronald Reagan (1981 bis 1989) sahen im Drogenproblem eine „Bedrohung der nationalen Sicherheit“ und starteten daher einen „War on Drugs“, einen Krieg gegen Drogen: Hilfszahlungen erhielten nur Länder, die diesen Krieg unterstützten. Auf diese Weise stieg Kolumbien zum Empfänger der höchsten US-Auslandshilfe nach Israel und Ägypten auf. Bedingung: Der Marihuana-Anbau musste durch Niederbrennen der Felder gestoppt werden.

Reines Kokain.
Daraufhin wichen die Bauern auf Kokapflanzen aus. Anstatt die Blätter zu kauen, wie in Lateinamerika üblich, wurde jetzt in Geheimlabors reines Kokain hergestellt. In den USA wuchs die Nachfrage nach dem weißen Pulver, so baute Pablo Escobar das Medellín-Kartell auf. Er selbst gehörte als Herrscher über das Drogengeschäft in den USA bald zu den reichsten Männern der Welt, mit einem Besitz von Tausenden Hektar, Flugplätzen und Häfen.

So ein Imperium entsteht nicht auf Samtpfoten: Insgesamt sollen Escobars Auftragskiller 450 Polizisten und 30 Richter ermordet haben. Aus Angst vor der Rache des Kartells führten Richter ihre Prozesse in der Folge nur noch hinter Masken. Neben dem Justizminister starben weiterere kolumbianische Politiker unter den Kugeln des Kartells. Und in Bogotá flog sogar ein Zeitungsgebäude in die Luft.

Doch in Medellín wurde Escobar als Wohltäter verehrt. Er saß im Stadtrat und im Regionalparlament und sorgte für wohlplatzierte Investitionen, die ihm die Bewunderung der lokalen Bevölkerung sicherten. Auf Druck der USA erklärte sich die Regierung bereit, gegen Escobar vorzugehen. Im Zuge eines Gentlemen’s Agreement kam es zu einer Verfassungsänderung, die dem Medellín-Boss eine Auslieferung in die USA ersparte. Offiziell erhielt er fünf Jahre Gefängnis, die er freilich in einer luxuriösen Villa verbrachte.

Die USA trainierten Spezialeinheiten, um seiner habhaft zu werden. Als sein Versteck entdeckt wurde und seine Flucht scheiterte, jagte er sich eine Kugel in den Kopf. Daraufhin übernahm das Cali-Kartell einen Großteil der Medellín-Marktanteile. Offiziell hat sich das Medellín-Kartell aufgelöst, aber es existiert in Form kleinerer Kartelle weiter. Es kam zu Umstrukturierungen und Verlagerungen, ohne dass Produktion und Handel dauerhaft litten. Das zentrale Ziel des Krieges gegen Drogen, das Angebot zu verringern, damit die Preise in die Höhe zu schrauben und dadurch den Stoff für potenzielle Konsumenten unattraktiv erscheinen zu lassen, wurde weder durch die Zerschlagung des Medellín-Kartells noch durch diverse neue Initiativen erreicht.

Clinton scheiterte.
Nachdem eine Studie der Rand Corporation ergeben hatte, dass die Lieferung von Waffen, Kampfhubschraubern sowie die Bereitstellung von Ausbildungsprogrammen und all der Einsatz beträchtlicher Geldmittel nichts gefruchtet hatten, suchte Präsident Bill Clinton eine Kursänderung in Richtung vermehrte Behandlung von Süchtigen, scheiterte mit seinem Vorhaben aber im Kongress. Der Bevölkerung erschien der polizeiliche und militärische Kampf gegen Drogen zielführender.

Da erwies sich die von George W. Bush initierte „Andean Counterdrug Initiative“, die zugleich linke Guerilleros, Terroristen und den Drogenhandel treffen sollte, zumindest militärisch als erfolgreicher: Unter dem kolumbianischen Präsidenten Alváro Uribe wurden die Kartelle zerschlagen, die Unterminierung des Rechtsstaats schien beendet. Aber: Der Drogenstrom versiegte nicht, er floss nur nicht mehr direkt in die USA, sondern nach Mexiko, wo neue Kartelle das Geschäft der alten kolumbianischen übernahmen. Ergebnis: Drei mexikanische Kartelle mit ihren Privatarmeen stehen heute 50.000 mexikanischen Soldaten gegenüber. Der Kampf forderte bisher 30.000 Tote, und die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter. Die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten sehnt sich nach Zeiten zurück, in denen Politik, Polizei und Drogenkartelle in gutem Einvernehmen für Ruhe und Ordnung sorgten. Zwar konnte der Kampf der Regierung da und dort vor­übergehende Erfolge erzielen, aber am Drogenangebot oder am Preisniveau hat das nichts geändert. Im Gegenteil: Im Jahr 2006 registrierte das US-Justizministerium 100 mexikanische Drogengroßhandelszentralen und Vertriebsorganisationen in den USA, im Jahr 2009 waren es doppelt so viele.

Unter lateinamerikanischen Politikern wachsen deshalb die Zweifel über die Sinnhaftigkeit des Krieges gegen Drogen: Der ehemalige Präsident Mexikos, Ernest Zedillo, der ehemalige Präsident Kolumbiens, César Gaviria Trujillo, und der ehemalige Präsident Brasiliens, Fernando Henrique Cardoso, erklärten in einer gemeinsamen Stellungnahme, die Drogenpolitik der USA dränge ganz Südamerika in eine Abwärtsspirale. Cardoso sagte öffentlich: „Der Krieg gegen Drogen ist ein verfehlter Krieg.“

Unterdessen wird der Grundannahme der US-Drogenpolitik, dass Marihuana ähnlich gefährlich sei wie Heroin und Kokain, durch gleich mehrere britische Untersuchungen der Boden entzogen. Im Jahr 2005 legte eine Kommission unter der Leitung des langjährigen BBC-Direktors John Birt im Auftrag der britischen Regierung eine Studie über das Suchtpotenzial und damit die Gefährlichkeit verschiedener Drogen vor. Ganz oben auf der Liste stehen Heroin und Crack (je vier Punkte), in einer zweiten Gruppe rangieren Kokain, Amphetamine, Tabak und Alkohol (je drei Punkte), danach kommen Ecstasy und Cannabis (je zwei) und LSD (ein Punkt). Demnach rangieren legale Drogen wie Alkohol und Nikotin deutlich vor illegalen Drogen wie Cannabis oder LSD. Eine im Jahr 2007 im angesehenen Medizinjournal „Lancet“ veröffentlichte Studie kam zu weitgehend übereinstimmenden Ergebnissen.
Als der Drogenberater der britischen Regierung, David Nunn, der an der „Lancet“-Studie federführend beteiligt war, im Jahr 2009 bei seiner von allen maßgeblichen Fachleuten geteilten Einschätzung blieb und von der britischen Regierung verlangte, die Gefahrenklassifizierung an die wissenschaftlichen Erkenntnisse anzupassen, erzwang die zuständige Staatssekretärin seinen Rücktritt. Was Nunn als „Spannungen zwischen Politik und Wissenschaft“ abtut, hält Buchautor Lingens für „das zentrale Problem der Drogenpolitik: Sie wird nach politischen, nicht nach wissenschaftlichen Kriterien gemacht, und nach diesen Kriterien müssen illegale Drogen gefährlicher als legale sein.“

Der Birt-Bericht verglich aber nicht nur das Suchtpotenzial der verschiedenen Drogen, sondern auch das Sterberisiko: Demnach sterben in Großbritannien pro Jahr im Schnitt 625 Menschen durch eine Überdosis oder Verunreinigung von Heroin, 97 durch Methadon, 25 durch Ecstasy, 20 durch Crack, zwölf durch Amphetamine, elf durch Kokain. Cannabis und LSD scheinen in der Totenstatistik nicht auf.

Alkohol hingegen verursachte pro Jahr in England unter 21 Millionen Konsumenten 6000 Todesfälle, wobei in dieser Zahl freilich sowohl die akuten wie die chronischen Verläufe enthalten sind, und chronisches Rauchen führte pro zu Jahr zu rund 100.000 Todesopfern unter geschätzten 9,4 Millionen Rauchern. Noch Fragen?



http://www.morawa-buch.at/detail/ISBN-9783218008204
skillz - 26.02.2011, 20:40 Uhr
Titel:
achja und das Buch zum eigentlichen Thread- Titel gibts hier zu haben:


Zitat:
Mathias Bröckers - Die Drogenlüge
Warum Drogenverbote den Terrorismus fördern und Ihrer Gesundheit schaden


http://www.piper-verlag.de/westend/buch.php?id=16615
FranzRasputin - 26.02.2011, 23:38 Uhr
Titel:
bezüglich Terror-fördernder Drogen Verkauf hab ich da einen netten Artikel
auf Vice gefunden

http://www.viceland.com/germany/v2n10/htdocs/heroin.php
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