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Antisemitische Blüten

kultur / kultur
Datum: 28.11.2005, 10:53 Uhr
Als antisemitisch qualifiziert das DöW Israel Shamirs Werk "Blumen aus Galiläa". In Österreich wird das Werk über linke Zirkel verbreitet.

von: http://www.falter.at/rezensionen/index.php

Für Heribert Schiedel vom Dokumenationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DöW) besteht kein Zweifel: "Das Buch gehört zu den antisemitischsten Hetzschriften, die nach 1945 in Österreich veröffentlicht wurden." Gemeint ist das Werk "Blumen aus Galiläa" von Israel Shamir, das man hierzulande ganz legal in jeder Buchhandlung kaufen kann und das im eher linken Wiener Promedia-Verlag erschienen ist. Shamir - der vom Judentum zum orthodoxen Christentum konvertiert ist und laut DöW Beziehungen zu Neonazis und Holocaustleugnern unterhält - wirft in seinem Buch den Juden die Beherrschung der USA, Hollywoods und der Medien vor und schreckt nicht vor Klischees wie dem "ewig wandernden Juden" zurück. Zitat: "Heutzutage bedeutet eher die Tatsache, nicht als Antisemit bezeichnet zu werden, dass man falsch liegt [...]." Weiter hinten: "In gewisser Art sind die Juden wie ein entkommener Golem, der die Welt überschwemmt. [...] Daher kann der Aufstieg der Juden als Besorgnis erregendes Symptom für die Menschheit gesehen werden."

Während Anfang November der Verleger der französischen Ausgabe des Buches zu drei Monaten bedingter Haftstrafe verurteilt und dazu verpflichtet wurde, das Buch zurückzuziehen, blieb die Aufregung in Österreich aus. Bis zum 10. November. Da sollte nämlich der Herausgeber der deutschsprachigen Version des Buches, Fritz Edlinger, Generalsekretär der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische-Beziehungen und ehemals SPÖ-Vertreter beim Nahostkomitee der Sozialistischen Internationalen, einen Vortrag zum Thema Palästina an der Grazer Universität moderieren. Doch die Organisation Mayday schickte ein Protestmail an Unirektor Alfred Gutschelhofer. Ines Aftenberger von Mayday: "Wir wollten verhindern, dass Edlinger, der antisemitisches Gedankengut derart massiv fördert, an der Uni auftritt." Mit Erfolg: Da auch sechs Lehrende der Universität sowie die Grazer Grünen mit Gemeinderätin Christina Jahn die Forderung von Mayday unterstützten, nahm Gutschelhofer kurzfristig die Saalzusage zurück.

Als finanzieller Unterstützer der Veranstaltung sprang die KP ein und bot ihren Karl-Drews-Klub an. Doch Edlinger sagte ab: "Wir sind keine Noname-Gruppe." Sowohl KP-Stadträtin Elke Kahr als auch Landesparteivorsitzender Franz Stephan Parteder stehen zum Angebot. Parteder: "Es gibt wichtigere Themen, mit denen man sich auseinandersetzen sollte." Das Buch haben die beiden nicht gelesen. Nach Edlingers Protest bei Gutschelhofer scheint es nun, als könnte er doch in der Universität auftreten. "Wir prüfen das", heißt es aus dem Büro des Rektors. Für Völkerrechtler Wolfgang Benedek ist die Sache klar: "Im Sinne der Meinungsfreiheit wird der Vortrag mit Edlinger an der Universität stattfinden." Dieser habe sich vom Buch distanziert.

Im Gespräch mit dem Falter kann davon kaum die Rede sein. Edlinger räumt zwar ein, dass Passagen "antisemitisch" beziehungsweise "inakzeptabel" seien, das Werk wird allerdings noch immer auf der Homepage der Österreichisch-Arabischen Gesellschaft beworben. Hinter den Angriffen auf seine Person sieht Edlinger "Zusammenhänge zwischen der großen Politik und kleinen Veranstaltungen". Es gebe Linke, die mit dem israelischen Geheimdienst und den USA Schulter an Schulter arbeiteten. Edlinger betont, er sei weder Rassist noch Antisemit. Ebenfalls nicht von dem Buch distanziert hat sich der Promedia-Verlag. Verlagschef Hannes Hofbauer teilt in einem Brief mit, der auch auf der KP-Homepage veröffentlicht wurde: "Der Angriff auf das Buch von Israel Shamir zielt unserer Meinung nach deutlich darauf ab, Kritik an Israel mit der Keule des Antisemitismusvorwurfs unmöglich zu machen."

Heribert Schiedl fordert nun, dass der Verlag das Buch zurücknimmt, rechnet sich aber wenig Chancen aus. Für ebenso unwahrscheinlich hält er, dass die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Volksverhetzung erhebt. "Wir sind nicht in Frankreich." Schiedl bemerkt - auch aufgrund des Nahostkonfliktes - bereits seit Ende der Neunzigerjahre ein rapides Absinken der Tabugrenze in Bezug auf Antisemitismus - sowohl von linker als auch von rechter Seite.


Rezensent: Donja Noormofidi Falter 47/2005





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